Teilabriss der Mauer, 17. Juni 1990


Geschichte eines geteilten Dorfes

Die Amerikaner nannten es »Little Berlin«, dieses Dorf am Ende der Welt, das ebenso wie sein großer Bruder zum Symbol der deutschen Teilung wurde. In Mödlareuth gab es eine Mauer, aber keinen Checkpoint. Über 37 Jahre lang war es auf legale Weise nicht möglich, die Grenze zu überschreiten, um von den einen in den anderen Ortsteil zu gelangen. Hier war Sperrgebiet auf der einen und Besucherandrang auf der anderen Seite. Hier war es verboten, von Ost nach West zu winken oder zu grüßen.

Eine Grenze mitten durch ein kleines Dorf – die Ursachen liegen in Mödlareuth schon Jahrhunderte zurück. Im Jahre 1810 wurden entlang des Tannbaches neue Grenzsteine gesetzt. Die eingemeißelten Initialen »KB« (Königreich Bayern) auf der westlichen, »FR« (Fürstentum Reuß) auf der östlichen Seite dokumentieren noch heute die Zugehörigkeit Mödlareuths zu verschiedenen Landesherren.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ging der Westteil Mödlareuths in den neu gegründeten Freistaat Bayern, der Ostteil in das Land Thüringen über. Der Tannbach als Grenzverlauf blieb aber weiterhin bestehen, als reine Verwaltungsgrenze, die das Alltagsleben der Mödlareuther kaum beeinträchtigte. Wirtshaus und Schule befanden sich im thüringischen Teil Mödlareuths, zum Gottesdienst ging man gemeinsam ins benachbarte bayerische Töpen. Und gemeinsam zogen sie auch in den Krieg.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgte die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen. Entsprechend den »Londoner Protokollen« der Alliierten von 1944 verliefen die Demarkationslinien weitestgehend entlang der alten Landesgrenzen des Deutschen Reiches von 1937. Diese Festlegung der Demarkationslinien sollte für Mödlareuth von schwerwiegender Bedeutung werden, der Tannbach »zu neuen Ehren« gelangen. Er bildete im Bereich Mödlareuth nun die Demarkationslinie zwischen Mödlareuth-Ost in der sowjetischen und Mödlareuth-West in der amerikanischen Besatzungszone.

Doch in Mödlareuth ereignete sich ein Kuriosum, das über ein Jahr lang andauern sollte. Nachdem die Amerikaner kampflos am 15. April 1945 Mödlareuth besetzt und ihre Truppenbewegungen weiter in Richtung Thüringen und Sachsen fortgesetzt hatten, zogen sie sich Anfang Juli in ihre in den Londoner Protokollen zugewiesene Besatzungszone zurück. Dabei räumten die US-Truppen nicht nur den thüringischen Teil, sondern auch den bayerischen Teil Mödlareuths, der sich ja eigentlich in der amerikanischen Besatzungszone befand.

Am 7. Juli 1945 marschierte die sowjetische Armee in Mödlareuth ein und errichtete auf bayerischer Seite ihre Ortskommandantur, von den Einheimischen bald auch „Stalinburg“ genannt. Auf dem Dach befand sich ein roter Sowjetstern, der nachts beleuchtet war. Den Eingang zierte ein Stalinbild. In der angrenzenden Scheune wurden die zahlreichen festgenommenen illegalen Grenzgänger vorübergehend inhaftiert. Am bayerischen Ortsausgang befand sich das sowjetische Postenhäuschen mit Schlagbaum. Als neue zweisprachige Ausweise (russisch-deutsch) ausgegeben wurden, sank die Hoffnung auf eine baldige Änderung der Situation. Über ein Jahr lang sollte diese Ungewissheit andauern. Erst am 26. Juli 1946 zogen sich die russischen Truppen auf Drängen der Amerikaner hinter den Tannbach zurück, der Westteil Mödlareuths wurde von den Amerikanern besetzt.

Mit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 gehörte nun der Ostteil Mödlareuths zum Territorium der DDR, der Westteil zu dem der Bundesrepublik. Damit waren beide Teile Mödlareuths nicht nur Bestandteil zweier verschiedener Staaten, sondern auch unterschiedlicher politischer, militärischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme.


Der Tannbach als Demarkationslinie zwischen Mödlareuth-Ost in der sowjetischen und Mödlareuth-West in der amerikanischen Besatzungszone, 1948.
Foto: Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-N0415-363, Fotograf: Herbert Donath

Noch war es mit Passierschein und „Kleinem Grenzschein“ möglich, den Tannbach zu überqueren. Dies änderte sich am 26. Mai 1952 schlagartig mit dem Beschluss des Ministerrates der DDR über die »Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands«. Damit war die Teilung Deutschlands endgültig besiegelt. Entlang der Demarkationslinie wurde ein 10 m breiter Kontrollstreifen angelegt, bei dessen Betreten von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden konnte. Die DDR ließ das grenznahe Hinterland in einen 500 m breiten Schutzstreifen und eine 5 km tiefe Sperrzone unterteilen. Durch Maßnahmen wie nächtliche Ausgangssperre oder Versammlungsverbot wurde das gesellschaftliche Leben stark beeinträchtigt. Erste Grenzsperranlagen wurden von Seiten der DDR errichtet, die in den nachfolgenden fast vier Jahrzehnten immer weiter ausgebaut, perfektioniert und damit undurchlässiger wurden.

Anfang Juni 1952 begann die erste Zwangsaussiedlungswelle entlang der innerdeutschen Grenze unter dem Decknamen »Ungeziefer«. Tausende von DDR-Bürgern wurden aus den grenznahen Bereichen ins Hinterland umgesiedelt, ihre Anwesen zum Teil dem Erdboden gleichgemacht. Neben drei weiteren Familien waren die Bewohner der »Oberen Mühle« in Ost-Mödlareuth als erste davon betroffen. Ihre Besitzer hatten diesen voll funktionierenden Wirtschaftsbetrieb noch acht Monate zuvor renoviert. Den Abtransport vor Augen, konnten die Bewohner der »Oberen Mühle« in letzter Minute mit einem Sprung durch das Stall- bzw. Heubodenfenster in den Westteil Mödlareuths flüchten, während sich bereits die Evakuierungskommission schon im Innenhof des Anwesens befand. Wenig später fiel die Obere Mühle der Spitzhacke zum Opfer. Dieses Schicksal sollte sie mit vielen anderen teilen – einzelne Häuser, aber auch ganze Ortschaften wurden abgerissen und ihre Bewohner aus dem DDR-Grenzgebiet ausgesiedelt.

Mit dem Ministerratsbeschluss und der einen Tag später in Kraft getretenen Polizeiverordnung senkte sich auch in Mödlareuth der »Eiserne Vorhang«. Im Juni 1952 wurde mit der Errichtung eines übermannshohen Bretterzaunes die totale Abgrenzung der beiden Ortsteile eingeleitet. Jahrhundertealte wirtschaftliche, gesellschaftliche und familiäre Verbindungen über den Tannbach hinweg kamen damit abrupt zum Erliegen.


Holzbretterzaun mit Oberer Mühle, die im Rahmen der ersten Zwangsaussiedlungswelle abgerissen wurde, 1952
Foto: Friedrich Marx, Hof

In den nächsten Jahrzehnten wurden die Sperranlagen in Mödlareuth immer weiter modifiziert und „verbessert“. Sechs Jahre nach der Errichtung des Holzbretterzaunes ersetzte man diesen durch einen »Flandernzaun«, eine Konstruktion aus Holzpfählen und Stacheldrahtgeflecht. 1961, im Jahr des Berliner Mauerbaus und der zweiten großen Zwangsaussiedlungswelle, entstand ein einreihiger Stacheldrahtzaun an Betonsäulen, der ein Jahr später durch zwei zusätzliche Stacheldrahtreihen an Betonsäulen ergänzt wurde. Doch diese »Friedensgrenze« war in Mödlareuth noch nicht dicht genug. 1964 gingen die Pioniere der NVA-Grenztruppen erneut ans Werk. Nicht nur der Weg, sondern auch der Blickkontakt zwischen Ost und West sollte durch eine Plattenwand aus Beton- und Holzelementen mit Stahlabweisern unterbunden werden.


»Flandernzaun« aus Stacheldrahtgeflecht an Holzpfählen, 1958
Foto: BGS Bayreuth


Doppelreihiger Stacheldrahtzaun an Betonsäulen, 1962
Foto: BGS Bayreuth


Plattenwand aus Beton- und Holzelementen mit Stahlabweisern, 1964
Foto: BGS Bayreuth

Höhepunkt der Anstrengungen, die eigenen Bürger vor dem »Imperialismus« zu schützen, bildete der Bau der 700 m langen, 3,30 m hohen Betonsperrmauer. 1966, fünf Jahre nach dem Mauerbau in Berlin, wurde sie in wenigen Wochen aus Betonfertigteilen errichtet. Der Befehl zum Mödlareuther Mauerbau erging bereits im Oktober 1965. Im November und Dezember folgten die Vorarbeiten. Tagelang wurden Baumaterialien, Kies und Betonplatten wurden angeliefert, Löcher gegraben und Betonfundamente angelegt. Wegen des strengen Winters mussten die Bauarbeiten unterbrochen und konnten erst Mitte Februar 1966 weitergeführt werden. Am 5. April 1966 begann der eigentliche Bau der Mauer, der bis 15. Juni 1966 andauerte. Im August 1966 folgten die Abschlussarbeiten, als noch ein Beobachtungspunkt an die Mauer eingefügt wurde. Seitdem nannte man Mödlareuth auch „Little Berlin“.


Bau der 700m langen Betonsperrmauer, 1966
Foto: BGS Bayreuth

Am 25. Mai 1973 ereignete sich in der Ortslage Mödlareuths die einzige geglückte Flucht über die Betonsperrmauer. Einem Kraftfahrer aus Göttengrün (Kreis Schleiz/Thüringen) gelang es, unter Ausnutzung seiner Ortskenntnisse und seines Passierscheines ungehindert bis an die Betonmauer Mödlareuths heranzufahren und diese mit Hilfe einer selbst gebauten Eisenleiter zu überwinden, die er auf das Autodach stellte. Obwohl das Postenpaar auf dem alten Holzbeobachtungsturm erst sehr spät das Fahrzeug bemerkte, verzichteten beide Grenztruppenangehörigen auf den Einsatz der Schusswaffe. Durch eine Verkettung von glücklichen Umständen gelang so dem damals 34jährigen diese spektakuläre Republikflucht ohne Zwischenfälle.


Einzige geglückte Flucht über die Mauer, Mai 1973
(Rekonstruktion der Flucht im Rahmen der »Tatortbesichtigung« durch Grenztruppen in Kooperation mit der Staatssicherheit)
Foto: Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg

Die weiß gestrichene Mauer, nachts durch eine Lichtsperre in ein gespenstisches Licht gehüllt, der rund um die Uhr von DDR-Grenztruppen besetzte Beobachtungs-turm, die Reste der Oberen Mühle, der Schlagbaum, vor dem die Verbindungsstraße in den Ostteil endete … über 23 Jahre sollte dieses Grenzszenario andauern.

1989, das Jahr der »Wende«, ging auch an Mödlareuth nicht spurlos vorüber: Grenz-öffnung in Ungarn, Massenausreise aus der DDR, Botschaftsflüchtlinge, Demonstrationen in Ost-Berlin, Leipzig, Plauen und vielen anderen Städten, der Rücktritt Honeckers, die Pressekonferenz Schabowskis in Berlin und deren Folgen am Abend des 09. November … der Fall der Mauer in Berlin, die Öffnung der innerdeutschen Grenze.

Doch während nach dem 9. November überall neue Grenzübergänge entstanden, konnte man in Mödlareuth zunächst nur über »Umwege«, d.h. über bestehende Grenzübergänge vom West- in den Ostteil bzw. umgekehrt gelangen. Ein direkter Grenzübertritt war nicht möglich, die Mauer blieb zunächst geschlossen.

Wie bei etlichen anderen lokalen Grenzöffnungen gingen dabei Demonstrationen der Grenzbevölkerung voraus, so auch im geteilten Dorf Mödlareuth. Am Abend des 5. Dezember1989 fand auf der thüringischen Seite Mödlareuths eine Dorfversammlung über die veränderte Situation nach der Grenzöffnung am 9. November statt. Die Bewohner des bayerischen Ortsteils trafen sich an der Grenze, entzündeten Kerzen und Fackeln und skandierten den Ruf: »Die Mauer muss weg«. Die thüringischen Mödlareuther verstanden dieses Signal, begaben sich ihrerseits in Richtung Mauer und stimmten in diesen Ruf ein. Doch die Mauer blieb an diesem Abend noch verschlossen. Drei Tage später begannen Pioniere der DDR-Grenztruppen, eine ca. 5m breite Öffnung in die Mauer zu schlagen. Einige thüringische Mödlareuther nutzten die Brotzeitpause und schlüpften durch die neu entstandene Schneise. Es folgten stürmische Begrüßungsszenen mit den bayerischen Mödlareuthern. Nach mehrmaligen Aufforderungen eines DDR-Grenztruppenoffiziers mussten sich die Bewohner beider Ortsteile zunächst wieder verabschieden, die Ost-Mödlareuther kehrten durch das Loch in der Mauer wieder zurück.

Am 9.Dezember 1989, genau einen Monat nach dem Fall der Mauer in Berlin, wurde der Grenzübergang in Mödlareuth eröffnet. Nach Ansprachen des Töpener Bürgermeisters und seines Gebersreuther Amtskollegen folgten Grußbotschaften des damaligen Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl und des amerikanischen Präsidenten George Bush sen., der bereits im Februar 1983 als damaliger Vizepräsident »Little Berlin« besuchte. Danach durchschritten beide Bürgermeister als erste das geöffnete Tor in der Mauer. Über tausend Menschen aus Bayern, Sachsen und Thüringen folgten diesem Beispiel, nach 37 Jahren trennten Mauer und Stacheldraht nicht mehr. Volksfestartige Stimmung und ausgelassenes Feiern bei Bier, Glühwein, Sekt und thüringischen Bratwürsten prägten jenen Tag in Mödlareuth bis in die Nachtstunden hinein. Doch das Tor in der Mauer blieb zunächst nur von 08.00 bis 22.00 Uhr geöffnet. Nachts wurde es von DDR-Grenztruppen wieder verschlossen. Bundesbürger benötigten zum Grenzübertritt einen Reisepass, DDR- Bürger einen Personalausweis, die jeweils mit einem Visumstempel versehen wurden.


Eröffnung des Grenzübergangs Mödlareuth, 09.12.1989
Foto: Alfred Eiber, Hof

Erst ein halbes Jahr später, am 17. Juni 1990, wurde die Betonsperrmauer in der Ortsmitte Mödlareuths zu einem Großteil abgetragen. Nach Beendigung der Gedenkveranstaltung zum Volksaufstand in der DDR riss auf Initiative der beiden »Mödlareuther Bürgermeister« ein Bagger die trennende Mauer im Ortskern nieder. Mit dem Fall der Mauer entstand die Idee, ein Museum zur Geschichte der Deutschen Teilung in dem als „Little Berlin“ bekannt gewordenen Ort zu errichten.


Teilabriss der Mauer anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 17. Juni, 17. Juni 1990
Foto: Arndt Schaffner, Münchberg

Das Dorf Mödlareuth stellt heute noch ein »Kuriosum« dar – die eine Hälfte bayerisch, die andere thüringisch. Der Tannbach bildet die Landesgrenze zwischen den beiden Freistaaten Bayern und Thüringen. Unterschiedliche Fahrzeugkennzeichen, Postleitzahlen und Telefonvorwahlen sind äußere Zeichen dieser Verwaltungsgrenze. Zwei Bürgermeister kümmern sich um das Wohl der 50 Einwohner, deren Zugehörigkeit schon am Gruß zu erkennen ist: »Grüß Gott« auf der einen, »Guten Tag« auf der anderen Seite. Doch heute gestaltet man den Alltag wieder gemeinsam, feiert zusammen die Feste.